Lenovo kauft für 2,9 Mrd. US-Dollar Googles Handyabteilung Motorola, ein Stück in mehreren Akten

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Die heutige Nachricht das Google die Handysparte von Motorola an den chinesischen Computerbauer Lenovo verkaufen wird dürfte man wohl als echten Paukenschlag bezeichnen. Rufen wir uns Erinnerung das Google das Urgestein der amerikanischen Mobilfunkgeschichte selbst vor nicht einmal 3 Jahren genauer im Spätsommer 2011 für 12,5 Milliarden US-Dollar übernommen hatte. Schon damals hatte man darauf spekuliert das es Google bei der Übernahme hauptsächlich um die 17000 Patente von Motorola gehen würde und man den ganzen Rest nach einer Übergangsfrist wieder abstoßen werde. Neue Nahrung erhielten die Gerüchte dann im April 2013 als der Suchmaschinengigant ankündigte man werde Motorolas Settop Sparte Home für 2,35 Mrd. US-Dollar an den US-Konkurrenten Arris verkaufen.

Mit der Präsentation des Moto X dem erstem Smartphone nach der Übernahme setzte Google im Sommer 2013 erstmal einen Schlußstrich um die Verkaufsgerüchte seiner Handy Sparte. Ganz im Gegenteil, denn mit dem Bau einer nagelneuen Motorola Fabrik im texanischen Forth Worth signalisierte Google den Investoren und Motorola Fans langfristig an Motorola festhalten zu wollen. Bei der Entscheidung für den Standort USA spielte neben der Schaffung von Arbeitsplätzen vor allen Dingen der Know-How Aufbau und die damit einhergehende Stärkung der heimischen High-Tech Industrie eine entscheidende Rolle. Marktbeobachter sahen Motorola damit als Frontrunner einer neuen Goldgräberstimmung bei der es vermehrt zu Neuansiedlungen von Hochtechnolgie Firmen in den USA kommen könnte.

Google verkauft Motorola für 2,91 Mrd. US-Dollar an Lenovo

Ein fataler Irrglaube wie sich nun herausstellte, denn laut der neuesten Infos aus Googles eigenem Blog wird man die komplette Handysparte von Motorola für 2,91 Milliarden US-Dollar an den chinesischen PC-Weltmarktführer Lenovo verkaufen. Google erhält für Motorola von Lenovo 660 Millionen Dollar in bar, Lenovo-Aktien im Wert von 750 Millionen Dollar und 1,5 Milliarden Dollar in Form eines Drei-Jahres-Schuldscheines. Obwohl bei dem Deal auch 2000 Patente an Lenovo weitergereicht werden bleibt der Großteil der 17000 erteilten und 6800 eingereichten Patente weiter in Googles Händen. In den USA und in China muss die Übernahme noch von den Wettbewerbsbehörden geprüft werden. Überdies ist die Entwicklergruppe um Motorolas ARA Projekt vom Verkauf ausgeschlossen und wird zukünftig in den Google Konzern eingegliedert. Das ARA Projekt beschäftigt sich mit der Entwicklung und Realisierung eines modulbasierten Smartphones bei dem die einzelnen Bauteile bei Bedarf gegen bessere ersetzt werden können.

Google Zahlen im 4.Q 2013 bei 3,83 Mrd. Dollar Gewinn, Motorola mit 384 Millionen Dollar Verlust

Wirft man einen Blick auf die aktuellen Quartalszahlen von Google geht es dem Suchmaschinengiganten so gut wie nie zuvor. Mit einem Umsatz von 16,86 Mrd. US-Dollar im 4.Quartal hat Google einen Reingewinn von starken 3,83 Mrd. Dollar erwirtschaft. Einziger Wermutstropfen in der Bilanz ist der Verlust von Motorola der im Gegensatz zum Vorjahresquartal mit -152 Millionen US-Dollar nun bei heftigen 384 Millionen US-Dollar liegt. Mit Ende des 4. Quartals sitzt Google damit auf einem Cashberg von fantastischen 58,72 Millarden US-Dollar.

Dabei dürften die mehr als enttäuschenden Absätze von Motorolas Moto X und der für das vierte Quartal 2013 stark angestiegene Verlust nur die Spitze des Eisbergs bedeutet haben. Vielmehr scheint es bei dem Deal um die grundlegende Sicherung und generelle Kontrolle Googles über das Android Systems gegangen zu sein.

Samsungs Rolle im Motorola/Lenovo Deal

Um dies zu verstehen muss man sich die derzeitigen Machtverhältnisse rund um Android einmal genauer anschauen. Wie ihr in meinem Artikel zum Milliardenabsatz bei den Smartphones lesen konntet ist Samsung allein für den Verkauf von 30% aller Smartphones zuständig. Damit besetzten die Südkoreaner unter den Android Herstellern eine Schlüsselrolle als wichtigster Partner, die Google im eigenen Interesse nicht ignorieren kann. Zudem mehrten sich in letzter Zeit die Gerüchte, das Samsung mit dem Marktrelaese seines eigenen mobilen Betriebssystems Tizen langfristig aus dem Android Verbund aussteigen könnte. Das ursprünglich aus den Linux Derivaten Meego & LiMo entstandene Tizen könnte mit dem Know-How und der Finanzkraft von Samsung im Rücken schnell als „Android 2.0“ zu einer marktbestimmenden Größe im mobilen Zirkus aufsteigen.

Dies scheint auch Google begriffen zu haben den fast parallel mit der Verkaufsmeldung an Lenovo hat man mit Samsung einen Cross Licensing Vertrag für 10 Jahre abgeschlossen, der neben der Übertragung von gegenseitigen Lizenzen wohl auch ein Verbot von Tizen als eigenständiges System zur Folge hat. Ein weiterer Punkt dürfte die Nichtveröffentlichung von Samsungs neuer Betriebssystemoberfläche Magazine-UX gewesen sein, die auf der CES für relativ großes Aufsehen gesorgt hatte. Schon seit langem mäkeln Samsung Kunden am völlig überfrachteten Touch-Wiz herum und wünschen sich eine eher abgespeckte den persönlichen Bedürfnissen angepasste Oberfläche. All dies könnte Magazine-UX liefern, die Samsung für die Tablets seiner neuen PRO Serie geplant hatte. Damit würde Samsung seinen Tablets aber ein Alleinstellungsmerkmal verpassen das diametral gegen die Interessen von Googles Designrichtlinien verstoßen würde. In der Folge könnte dies dazu führen das Google langfristig die Entwicklungshoheit bei Android aus den Händen genommen wird.

Als Bonbon für den Verzicht auf Samsungs Tizen und der Magazine-UX hat Google dann wahrscheinlich dem Verkauf der Motorola Handysparte zugestimmt und Samsung hat einen Konkurrenten weniger. Schaut man sich nämlich den Wirkungskreis von Motorola an hat es die ehemalige Google Tochter hauptsächlich auf das Niedrigpreissegment abgesehen, denn mit dem Marktstart des Preisleistungssiegers Moto G soll das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht sein. In einem Interview mit Trusted Reviews hat sich Motorola Boss Dennis Woodside erst kürzlich geäußert das man den Bau eines 50 US-Dollar billigen Smartphones in Planung habe.

Galaxy Tab Pro + Magazine UX Hands ON by AllAbouSamsung

Übertragung von Motorola Know-How an Lenovo nicht im Sinne der USA?

Das wohl pikanteste Detail der Übernahme dürfte aber wohl die künftige Einflußnahme eines chinesischen Unternehmens wie Lenovo am Wirkungsort USA sein. Schon sehr lange versuchen chinesische Firmen wie Lenovo, Huawei und auch ZTE einen Fuss in die westlichen Märkte von Europa und den USA zu bekommen. Bisher war dies aber gerade in den USA immer wieder am Veto des Repräsentantenhauses gescheitert das im Grunde jeden Hersteller aus China der Industriespionage verdächtigt. (Während ich diesen Satz schreibe kommen mir natürlich sofort die Aktivitäten der NSA in den Sinn die mit Sicherheit in großem Maß Wirtschaftsspionage betreiben). Persönlich sehe ich die Vorbehalte der amerikanischen Regierung gegen Übernahmen von US-Firmen durch chinesische Wettbewerber aber eher als protektionistische Maßnahme zum Schutz der eigenen Wirtschaft. Damit steht natürlich auch die Frage im Raum ob Motorolas erst kürzlich eröffnete US-Fabrik nach der Übernahme überhaupt eine Zukunft haben wird oder Lenovo die Produktion in die deutlich billigeren asiatischen Werke verlagert.

Seit ihr enttäuscht über Googles Vorgehen oder seht ihr den Verkauf als logische Konsequenz eines knallharten Wettbewerbs? Ich warte gespannt auf eure Kommentare!

Quellen:

Android Schweiz

Googleblog

Trusted Reviews

Google Investor Relations

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